Literaten Gestaltung über mehrere Jahre

Anläßlich eines Workshop mit Chase Rosade und Randy Clark legte ich mir 1995 diesen Wacholder (Juniperus chinensisi) zu. Leider besitze ich kein Foto, auf dem die ursprüngliche Gestalt der Pflanze zu sehen ist.
Der Baum war ca. 80 cm hoch und hatte im unteren Bereich eine sehr schöne Bewegung. Diese Bewegung setzte sich leider nicht in der oberen Hälfte fort.
Da der Stamm proportional zur Höhe viel zu dünn war, entschied ich mich den Baum drastisch einzukürzen und zu einem Literaten zu gestalten. Die neue Krone wurde aus einem Seitenast gestaltet. Den Wacholder pflanzte ich in eine braune Trommelschale. So stand der Baum dann über mehrere Jahre in meiner Sammlung.
Anfangs war ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Doch nach einiger Zeit kamen mir immer mehr Zweifel, ob ich das beste aus dem Material gemacht hatte. Sicherlich war die Schale viel zu groß. Aber da war noch was anderes was mir nicht gefiel. Ich war damals aber nicht in der Lage die Fehler zu definieren. Also beschränkte ich mich die nächsten Jahre darauf den Baum gut zu pflegen. Über die Wachstumsperiode wurde der Baum immer wieder pinziert und einmal im Jahr ausgelichtet. Es ist zu beachten, das man mit dem Pinzieren im Spätsommer aufhört, damit der letzte Austrieb gut für den Winter aushärten kann. Durch das Pinzieren mit gleichzeitig gutem Düngen (Biogold) werden die Polster schnell dicht, doch im Inneren sterben die kleinen Triebe wegen Lichtmangel ab. Deshalb schneidet man einmal in der Wachstumsperiode alle überflüssigen Triebe raus. Es sollen maximal 2 bis 3 Triebe an einer Stelle entspringen. Hier ist besonders auf die Astgabelungen zu achten, weil dort die meisten Triebe wachsen. So vermeidet man knollige Verdickungen und erreicht eine feine Verzweigung.

Der Wacholder nach seiner ersten Gestaltung.

Im Laufe der Jahre bemühte ich mich des öfteren den Baum umzugestalten. Im Herbst 1999 kam ich dann endlich auf eine neue Gestaltungsidee. Der ganze Baum war viel zu breit. Zwar entsprangen der erste, zweite und dritte Ast an den richtigen Stellen, doch durch die starke Windung im mittleren Bereich des Baumes lagen sie für einen Literaten zu weit auseinander. Also müßten diese anders platziert oder komplett entfernt werden.
Ich entschloß mich Ast eins und drei zu entfernen. Jetzt war es auch möglich den Baum durch Drehen in eine andere Position zu bringen. Die Rückseite wurde folglich zur neuen Vorderseite. Der Stammverlauf kommt nun viel weicher zur Geltung. Zuerst bewegt sich der Baum vom Betrachter weg und kommt nach 2/3 der Länge wieder auf ihn zu und dies mit weichen und harmonischen Bewegungen. Problematisch bei der Neugestaltung war der erste und zweite Ast, welche beide auf einer Höhe entspringen. Ich konnte aber auf keinen der beiden verzichten, da sonst zu große Negativräume entstanden wären.
Also plazierte ich den dritten Ast so, dass von vorne betrachtet der Enstehungspunkt nicht zu definieren ist. Ziel der jetzigen Arbeit sollte sein, klar abgegrenzte, kompakte Etagen und eine neue Krone zu gestalten. Besonders die Krone wirkte nach der Erstgestaltung wie eine aufgesetzte Kugel. Insgesamt herrschte in dem Baum ein heilloses Chaos an kleinen Zweigen und Trieben. Dies zu korrigieren setzte ein Drahten bis in die feinsten Triebe voraus.
So zeigte sich der Baum 2 Jahre nach seiner Überarbeitung. Der Grünbereich war schon wieder viel zu dicht, so daß der Wacholder noch einmal überarbeitet werden mußte.
Um einen Wacholder fein und sauber zu drahten, wird eine genaue Vorarbeit vorausgesetzt. Alle Äste und verholzte Triebe müssen sauber freigezupft werden, sodass nur noch die Enden belaubt sind. Nur so ist man in der Lage auch kleinste Triebe zu drahten.
Jeder der Wert auf sauberes Arbeiten legt, wird zum Positioniern Kupferdraht verwenden. Ich arbeite in solchen Fällen mit Drahtstärken unter 0,8 mm. Dies erfordert zu Beginn zwar etwas Übung, aber das Resultat entschädigt einen hierfür.
Der Draht ist nur beim genauen Hinschauen zu erkennen. Man ist nun in der Lage alle Triebe zu kompakten Polstern zu gestalten. Wie auf den unteren und dem Endfoto zu sehen ist, wird aus dem lichten Grün ein kompakter Baum. Wenn man die Polster von oben betrachtet, bleibt aber immer noch genügend Licht für den inneren Austrieb.
Bei einer Bonsaigestaltung ist es wichtig, dass die Krone in Richtung des Hauptastes (Saschieda) zeigt. Der Hauptast muß aber nicht immer der erste Ast sein. Es ist der Ast, auf dem die meiste Betonung liegt. In meinem Fall war dies der erste. Folglich musste sich die Krone nach rechts bewegen.
Der Baum nach dem Entdrahten und Zupfen
Im nächsten Frühjahr wurde der Wacholder in eine andere Schale gepflanzt. Die Wahl fiel auf einen Axel Brockmann Pot, welche in Form und Farbe die sanften Bewegungen des Stammverlaufs unterstützte. Dabei konnte ich den Baum auch noch nach links kippen. So kommt der Wacholder jetzt nicht mehr gerade sondern schräg aus der Erde, was der Gestaltung noch mehr Schwung verleiht.
Zwei Jahre nach der neuen Gestaltung musste der Draht entfernt werden, da er einzuwachsen drohte. Da auch die Pflanze in dieser Zeit einen sehr starken Zuwachs machte, entschloss ich mich, den Baum im Winter 2001/2002 noch einmal komplett zu überarbeiten. Also das ganze Spielchen noch einmal.
Wie auf dem Endfoto zu sehen ist, wurde der Grünbereich dabei noch einmal stark reduziert. Es fielen 2 komplette Äste raus. Ebenfalls teilte ich die einzelnen Etagen neu auf. Aus dem ersten Ast gestaltete ich zwei Polster und die Position der Krone wurde auch noch korrigiert.
Für die nächsten Jahre ist es nun wichtig den Baum so kompakt wie möglich zu halten. Ein übermäßiges Düngen würde den Baum nun wieder schnell aus seiner Form bringen.
Der Baum im Frühjahr 2002
Ich glaube dieser Bericht zeigt gut wie man sich in den Jahren weiterentwickelt.

Ein Stillstand meiner Entwicklung würde das Aus für mein Hobby bedeuten. Genau das macht Bonsai für mich aber erst interressant.

Der Baum im Sommer 2003
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