Text: Jörg Derlien
Fotos: Jörg Derlien und Jürgen Zaar
Verbunden mit einem Kurzurlaub in den Dolomiten traf ich mich im Oktober 2001 mit Salvatore Liporace in seinem Studio in Mailand. Nach einer kurzen Begrüßung und dem obligatorischem Espresso im Stehcaffee gegenüber, fuhren wir in Salvatores Baumschule außerhalb Mailands. Dort suchte ich mir Material für die Gestaltung aus. Dies erwies sich als schwierig, da dort mehrere hundert Bäume in sehr guter Qualität standen. So suchte ich nach einer Pflanze, welche für mich einen sehr großen Schwierigkeitsgrad darstellte. Die Wahl fiel auf eine ca. 130 cm große Pinus Mugo mit kreuzendem Doppelstamm. Die Mugo wurde dann zurück ins Studio gebracht und sofort mit der Gestaltung begonnen. Nach freilegen des Nebari wurde die Vorderseite bestimmt. Obwohl der Stamm von einer Seite die schönere Borkenstuktur hatte, entschieden wir uns auf Grund der besseren Stammführung für die andere Seite.
Das ausgesuchte Rohmaterial;
Pinus Mugo
Da sich die beiden Stämme kreuzen war auch sofort klar das hieraus auf keinem Fall ein Doppelstamm entstehen wird. Also wurde der eine langweilig wirkende Stamm entfernt. Als nächstes wurden die Jins am Stammansatz gestaltet. Salvatore legt Wert darauf, das ich nicht mit den üblichen Powertools arbeiten sollte, sondern mit Knospenzange und Stecheisen.
Baumbesprechnung in Salvas Studio
Die Jins sollten hierdurch ein natürlicheres Aussehen erhalten. Sie waren proportional zum Stammansatz viel zu dick und es war eine mühevolle und zeitintensive Arbeit diese natürlich aussehen zu lassen. Am nächsten Tag ging es dann weiter mit dem säubern der Zweige und auszupfen der Nadeln. Vorher hatten wir festgelegt, wie groß die Endhöhe des Baumes werden sollte und welche Äste benötigt werden, um dies zu realisieren. Der ganze Baum sollte mit nur 5-6 Ästen aufgebaut werden, so daß er eine Endhöhe von 50cm aufweist. Um diese Höhe zu erreichen mußte der Stamm gebogen werden. Zuerst legte ich an der zu biegenden Stelle feuchten Rafia an, um diese beim Bruch zu schützen.
Da bis jetzt der Stamm noch nicht eingekürzt wurde, hatten wir die Möglichkeit diesen als Hebel beim Biegen zu benutzen. Salvatore brachte unter größter Anstrengung, aber mit Vorsicht, den Stamm in Position, wo ich ihn dann mit Spanndrähten befestigte. Jetzt entfernten wir den oberen Teil des Baumes. Der entstandene Stumpf wurde als Jin gestaltet. Ich arbeitete diesen so aus, das ein natürlicher Übergang entstanden ist. Nun folgte das Drahten mit Kupfer bis in feinsten Spitzen. Salvatore legt hier sehr viel Wert auf Sauberkeit. Der Baum soll selbst nach vollständigen Drahten nicht einem Drahtknäuel ähneln. Dies ist mit Kupferdraht und ein bisschen Übung sehr gut realisierbar. Jetzt konnten alle Äste und Zweige positioniert werden. Hierbei entstand zwischen uns eine Diskussion über den unteren, rechten Hauptast. Meiner Ansicht nach wurde der Ast viel zu ausladend positioniert, ich war sogar der Meinung das er komplett entfernt werden konnte.
Der ganze Baum wirkte dadurch zu symetrisch. Salvatore konnte sich von diesem Ast aber nicht trennen. Schlafen wir mal drüber, dachte ich. Für den Transport setzte ich den Baum noch in ein flacheres Gefäß. Dabei zeigte sich, das die Mugo über ein sehr gutes Wurzelsystem verfügte. In diesem Gefäß kann der Baum sich dann ein Jahr erholen. Zuhause angkommen nahm ich mir nochmal ein paar Stunden Zeit für den Baum und überarbeitet ihn nochmals sorgfältig. Durch den Transport hatten sich ein paar Äste wieder verschoben, Feinheiten an den Jins mußten noch erledigt werden, Jinsmittel aufgetragen und dann war da immer noch mein Problem mit dem rechten Ast. Selbst nach mehreren Nächten des Grübelns konnte ich noch immer nicht Salvatores Meinung teilen. Also schnitt ich dem Ast endgültig ab (Skusa Salvatore).
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